Zwei Werkzeuge, ein Ziel
Im Kurs Storytelling im Vortrag begegnen mir immer wieder zwei Gewohnheiten. Die einen belegen ihre Aussagen mit einem knappen Beispiel, die anderen erzählen lieber eine kleine Geschichte. Beides hat seinen Platz, doch die Wirkung auf die Zuhörenden unterscheidet sich deutlich, und viele Teilnehmende wählen die Form eher nach Gefühl als nach Absicht.
Mir geht es in diesem Beitrag um einen sachlichen Vergleich. Ich beschreibe, was jede Form leistet, wo sie an Grenzen stößt und woran Sie im Vorfeld erkennen, welche zu Ihrem Anliegen passt. Am Ende steht eine Empfehlung, die sich in der Praxis der Übungsrunden bewährt hat und die Sie ohne großen Aufwand ausprobieren können.
Gemeint ist dabei keine Schauspielerei. Weder das Beispiel noch die Geschichte soll Ihren Vortrag schmücken. Beide haben eine Aufgabe: Sie sollen etwas Abstraktes greifbar machen, damit Ihr Publikum dem Gedanken folgen kann und ihn nach dem Termin noch zur Hand hat.
Das knappe Beispiel: schnell und präzise
Ein Beispiel dauert wenige Sätze. Sie behaupten etwas und zeigen sofort einen konkreten Fall, der die Aussage belegt. Das ist ideal, wenn Ihre Zuhörenden fachlich vorgebildet sind oder wenig Zeit haben. Ein Beispiel unterbricht den Gedankengang kaum und lässt sich an fast jeder Stelle einfügen, auch spontan, wenn eine Rückfrage kommt.
Die Stärke liegt in der Verständlichkeit. Wer in einer Teamsitzung erklärt, warum ein Ablauf umgestellt werden soll, gewinnt mit einem einzigen nachvollziehbaren Fall mehr als mit drei weiteren Argumenten. Die Schwäche: Ein Beispiel bleibt oft nüchtern. Es überzeugt den Kopf, berührt aber selten, und genau deshalb verblasst es nach einigen Stunden.
In den Übungsrunden fällt außerdem auf, dass Beispiele zur Aneinanderreihung neigen. Wer fünf Fälle hintereinander nennt, hinterlässt am Ende keinen davon. Ein gut gewähltes Beispiel pro Kernaussage reicht in der Regel völlig aus.
- Passt zu kurzen Auftritten und sachlichen Runden
- Lässt sich spontan einfügen und wieder kürzen
- Wirkt eher auf Verstand als auf Erinnerung
Die kleine Geschichte: langsamer, aber nachhaltiger
Eine Geschichte hat einen Anfang, eine Wendung und einen Schluss. Sie braucht länger, oft eine bis zwei Minuten, und fordert Aufmerksamkeit. Dafür entsteht ein Bild im Kopf, an dem Ihre Botschaft hängt. Zuhörende erinnern sich später häufig zuerst an die Szene und von dort aus an die Aussage, die sie trägt.
Der Preis dieser Form ist Aufwand in der Vorbereitung. Eine Geschichte muss gekürzt, geübt und mit dem Thema verzahnt werden, sonst wirkt sie angeklebt. Ich bitte Teilnehmende deshalb, sie laut zu erzählen und aufzunehmen. Beim Anhören merken die meisten selbst, wo Nebensächliches den Faden verwässert.
Wichtig ist auch die Auswahl. Geschichten über Sie selbst wirken nah, laufen aber Gefahr, zu viel Raum einzunehmen. Beobachtungen aus dem Arbeitsalltag, die ohne Namen und Details auskommen, sind oft die bessere Wahl, weil sie das Publikum nicht auf Sie, sondern auf die Sache lenken.
- Passt zu längeren Reden und zu Kernbotschaften
- Braucht Probe, Kürzung und klaren Bezug zum Thema
- Bleibt häufiger im Gedächtnis als eine reine Aufzählung
So entscheiden Sie in der Vorbereitung
Fragen Sie sich zuerst, was Ihre Zuhörenden nach dem Vortrag können oder wissen sollen. Geht es um Verständnis eines Sachverhalts, genügt meist ein Beispiel. Geht es um eine Haltung, eine Veränderung oder eine Botschaft, die hängen bleiben soll, lohnt sich die Geschichte. Diese eine Frage klärt erstaunlich oft, wohin die Zeit im Vortrag fließen sollte.
Zweitens zählt der Rahmen. Bei fünf Minuten Redezeit hat eine Geschichte kaum Platz, ohne dass der Rest leidet. Bei einer halben Stunde hingegen wirkt ein Vortrag ohne jede erzählte Szene schnell trocken. Planen Sie lieber eine Geschichte an der wichtigsten Stelle als drei halbe an beliebigen.
Drittens: Prüfen Sie Ihr Material auf Tauglichkeit. Sie sollten die Geschichte in etwa neunzig Sekunden erzählen können, ohne abzulesen. Gelingt das nicht, machen Sie daraus ein Beispiel. Dieser Rückweg ist kein Scheitern, sondern gute Redaktion, die Ihre Rede schärft.
- Welches Ziel hat die Aussage: Verständnis oder Erinnerung?
- Wie viel Redezeit steht tatsächlich zur Verfügung?
- Lässt sich die Szene frei erzählen, ohne Ablesen?
Meine Empfehlung aus der Kursarbeit
Wenn ich eine Regel mitgeben soll: Setzen Sie pro Vortrag eine Geschichte an die wichtigste Stelle und stützen Sie die übrigen Aussagen mit knappen Beispielen. So bekommt Ihr Publikum einen Anker und trotzdem Tempo. Die Geschichte öffnet oder trägt den Kern, die Beispiele halten den Rest verständlich und überschaubar.
Beginnen Sie im Zweifel mit dem Beispiel. Es ist leichter vorzubereiten, riskiert weniger und gibt Ihnen Routine. Erst wenn Sie sich damit sicher fühlen, wagen Sie die erste Geschichte, zunächst vor einer vertrauten Runde. In unseren Gruppen üben wir genau diesen Schritt, mit Aufnahmen und persönlichem Feedback.
Und noch etwas Praktisches aus diesen Herbstwochen: Viele Teilnehmende bereiten gerade Jahresrückblicke und Planungsrunden vor. Gerade dort wirkt eine kurze, ehrliche Szene aus dem Arbeitsjahr stärker als jede Folie voller Kennzahlen, solange sie knapp bleibt und einen klaren Bezug zum Thema hat.