Ausgangslage: Der Vortrag war nie das Problem
Thomas kam im Frühherbst in unseren Kurs, Projektleiter, Mitte vierzig, fachlich sehr sicher. Seine Vorträge vor dem Team seien in Ordnung, sagte er gleich in der ersten Runde. Was ihm den Schlaf raube, seien die Minuten danach, wenn jemand die Hand hebt und etwas fragt, das er nicht vorbereitet hat.
Wir haben zu Beginn gemeinsam genau beschrieben, was in diesen Momenten passiert. Thomas merkte, dass er sofort zu antworten versuchte, noch während die Frage lief. Er sprach schneller, verlor den Faden und schob am Ende mehr Erklärung nach, als gefragt war. Dieses Muster zu benennen, war der erste Schritt, denn es ließ sich benennen und damit üben.
Die Pause als Werkzeug entdecken
Die erste Übung war unspektakulär: Jemand stellt eine Frage, Thomas schweigt zwei Atemzüge lang und antwortet dann. In der Gruppe fühlte sich das zunächst endlos an. Beim Anschauen der Videoaufnahme sah er etwas anderes: einen Menschen, der nachdenkt und deshalb ernst genommen wird. Die Pause wirkte nicht unsicher, sondern gesammelt.
Wir haben die Pause dann mit einem festen Ablauf verbunden. Frage ruhig anhören, einmal ausatmen, die Frage in eigenen Worten kurz wiederholen, erst dann antworten. Das Wiederholen verschafft Zeit und stellt sicher, dass man die richtige Frage beantwortet. Thomas sagte später, dieser kleine Ablauf habe ihm mehr Halt gegeben als jeder gute Vorsatz.
- Frage zu Ende anhören, ohne innerlich zu formulieren
- Einmal bewusst ausatmen
- Frage knapp in eigenen Worten wiederholen
Mit Fragen umgehen, auf die es keine Antwort gibt
Thomas' größte Sorge war der Moment, in dem er etwas nicht weiß. Wir haben dafür drei ehrliche Formulierungen eingeübt, die nicht ausweichen: das Nachreichen einer Antwort, die Einordnung, was bekannt ist und was nicht, und die Rückfrage, was genau hinter der Frage steckt. Alle drei klingen im Ernstfall ruhiger, als man vorher glaubt.
In einer Rollenübung stellte die Gruppe ihm absichtlich eine Frage außerhalb seines Fachgebiets. Er sagte, was er sicher weiß, nannte die Grenze seines Wissens und bot an, bis zum nächsten Tag eine Antwort zu liefern. Die Gruppe fand das überzeugender als eine vage Vermutung. Für Thomas war das der Moment, in dem die Angst vor Lücken kleiner wurde.
Lampenfieber nicht bekämpfen, sondern begleiten
Auch körperlich gab es Arbeit. Thomas bekam vor Vorträgen feuchte Hände und einen flachen Atem. Wir haben ihm keine Methode zum Verschwinden der Aufregung versprochen, denn die gibt es nicht. Stattdessen übte er, den Atem vor dem Beginn zu verlängern, die Füße bewusst zu spüren und die erste Aussage auswendig zu kennen.
Dieser erste Satz wurde zu seinem Anker. Wenn die ersten zwanzig Sekunden sicher sitzen, lässt die Anspannung meist von selbst nach. Thomas hat sich außerdem angewöhnt, vor jedem Termin kurz den Raum abzugehen und einen ruhigen Blickpunkt zu wählen. Beides sind einfache Handgriffe, die man im Alltag ohne Aufwand wiederholen kann.
- Atem vor dem Beginn bewusst verlängern
- Ersten Satz sicher im Kopf haben
- Einen ruhigen Blickpunkt im Raum suchen
Was sich nach einigen Wochen verändert hat
Nach den Kurseinheiten hielt Thomas eine Projektvorstellung vor der Geschäftsleitung. Er erzählte uns beim letzten Termin, dass die Fragerunde diesmal fast angenehm war. Er habe an zwei Stellen innegehalten, eine Frage zurückgespielt und eine Antwort auf den Folgetag verschoben. Niemand habe das als Schwäche gelesen.
Wir wollen daraus keine Wunder ableiten. Thomas ist weiterhin aufgeregt, wenn es darauf ankommt. Aber er hat Werkzeuge, mit denen er sich in diesen Momenten orientieren kann, und er weiß, dass eine Pause kein Fehler ist. Das ist ein realistisches Ergebnis, und für viele Teilnehmende ist es genau das, was sie sich wünschen.